Der richtige Plot – die Struktur der Geschichte

Pixabay CC 00
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Wenn Kunden Ghostwriter beauftragen, haben sie oft schon eine Idee im Kopf: Einen spannenden Charakter oder eine gute Romanidee. Was häufig fehlt – und deshalb der Grund für unsere Beauftragung ist, ist ein Plot. Der Plot ist das Rückgrat der Geschichte, ihr verbindendes Element, über den Spannung aufgebaut werden und der die Entwicklung der Figuren im Verlauf der Geschichte steuert. Eine Buchidee kann noch so toll sein – ohne guten Plot verpufft sie wirkungslos. Das Plotten will gelernt sein – deshalb investieren wir viel Zeit in das Entwickeln des Plots, lange bevor wir mit dem Schreiben anfangen.

Der Unterschied zwischen Handlung und Plot

Wenn wir als Ghostwriter für historische Romane tätig werden, dann gibt zum Beispiel der Ablauf der Ereignisse die Handlung vor. Damit ist aber noch nichts über den Plot eines Buches gesagt. Nehmen wir beispielsweise die Ereignisse um die Schlacht von Culloden – den Fans historischer Romane wird sie ein Begriff sein – die Ereignisse dieser Schlacht sind bekannt. Um aus ihnen einen Plot zu machen, ist es notwendig, diesen Ablauf mit individuellen Figuren und ihren Motiven zu verknüpfen. Es bieten sich mehrere Akteure an, etwa die Führer der schottischen Clans oder aber ein einfacher Fußsoldat im Heer des englischen Herzogs von Cumberland. Wofür kämpften sie? Was erhofften sie? Was für eine Persönlichkeit war „Bonnie Prince Charlie“?  Was machte einen seiner Gegenspieler, der Herzog von Cumberland aus? Die Handlung wäre: Aufständische Jakobiten kämpften gegen die englische Armee. Das Setting ist: Bonnie Prince Charlie ließ seine erschöpften und ausgehungerten Männer 1746 tapfer gegen ein fast doppelt so starkes Heer kämpfen. Aus Rache ließ der Herzog von Cumberland verwundete Highländer und Frauen und Kinder nach seinem Sieg ermorden und richtete ein Blutbad an. Der Plot ist: Ein englischer Soldat will sich nicht an dem Blutbad beteiligen (vielleicht aus Liebe zu einer schottischen Frau?) und kämpft fortan gegen den Herzog von Cumberland. Als englischer Soldat betrachten ihn aber auch die Schotten als Feind. Es wird deutlich, dass der Plot ein in sich geschlossenes Netzwerk aus Figuren, Motiven und Handlungen ist.

Aus einem Plot wird eine Geschichte

Als Ghostwriter für einen Roman ist es unsere Aufgabe, den Plot anschließend  mit Leben zu füllen. Warum agierte der Herzog von Cumberland so rachsüchtig? Hatte er ein entsprechendes Erlebnis während des Österreichischen Erbfolgekrieges, in dem er Seite an Seite mit seinem Vater kämpfte? War sein Vater ein brutaler und strenger Mensch, der ihn in seiner Kindheit drangsalierte? Saß der Schmach über die zuvor erlittene Niederlage gegen Moritz von Sachsen zu tief? Wurde er deshalb zum „Schlächter von Culloden“? War der schöne Prinz Charlie zu jung und zu unerfahren, um seine Männer in eine solche Schlacht zu führen? Gab es vielleicht eine Geliebte, die ihn ablenkte? Durch den angelegten Plot gelingt es uns, beide Seiten des Konflikts abzubilden: Die schottischen Klans, die um ihre Freiheit und das Überleben ihrer Kultur kämpfen, die englischen Soldaten, die unter einem von niederen Motiven angetriebenen Heerführer kämpfen, dazwischen eine unmögliche Liebe.

Diese Details werden von uns als Ghostwriter sorgfältig ausgearbeitet und miteinander verknüpft. Viele Autoren, vor allem unerfahrene Autoren, sind so begeistert von ihrer Idee, dass sie sich in das Schreiben stürzen, ohne den Plot durchdacht zu haben und kommen entweder bald in eine Sackgasse, in der die Geschichte einfach nicht weitergeht, oder aber sie langweilen ihre Leser zu Tode. Jedes Detail in einem Buch, jeder Handlungsstrang, jede Figur muss ihre Berechtigung innerhalb des Plots haben – sonst fragen sich die Leser am Ende: „Warum hat der Autor/die Autorin mir das jetzt alles überhaupt erzählt?“

Auch Biografien haben einen Plot

Als Ghostwriter arbeiten wir oft als Biografen und schreiben die Lebensgeschichten von Menschen auf. Es ist wichtig, zu wissen, dass auch Biografien einen Plot haben – einfach nur sein Leben chronologisch zu erzählen, reicht nicht, um eine gute Biografie zu schreiben.  Aus dem biografischen Material wird ebenfalls ein Plot entwickelt, an dem sich die Geschichte entlang hangelt, erst dann kommen Spannung und Interesse beim Leser auf. Biografen verleihen der Lebensgeschichte einen Sinn – etwa „Nur weil ich das und das erlebt habe, bin ich jetzt da, wo ich bin oder zu der Person geworden, die ich bin“. Das bedeutet auch, dass biografische Episoden, die nichts zu diesem Plot beitragen, nicht berücksichtigt werden. Das ist auch zugleich der Grund, warum es so schwer ist, die eigene Biografie zu schreiben. Erkennen Sie den „Sinn“ Ihrer Lebensgeschichte? Das ist für Außenstehende mit Erfahrung beim Schreiben von Biografien sehr viel leichter.

So entwickelt man einen Plot

Wenn wir uns am Anfang eines Projekts zusammen setzen, stellen wir uns folgende Fragen:

– Wer ist die Hauptfigur?
– Vor welchem Problem steht sie in der Geschichte?
– Wo und wann spielt die Geschichte?
– Wie versucht die Figur, das Problem zu lösen?
– Auf welche – unerwarteten – Widerstände stößt sie? Woran scheitert sie – am besten mehrfach? Wichtig für die Spannung!
– Der Spannungsgipfel: Der letzte Versuch der Figur, die Widerstände zu überwinden
– Happy End: Die Figur siegt – kein Happy End (gut für Fortsetzungen): Die Figur scheitert

Es ist wichtig, dass das Ende der Geschichte bereits in ihrem Anfang angelegt ist, ohne, dass es für die Leser zu erkennen ist (Überraschungseffekt!).  In unserem obigen Beispiel würde das bedeuten, dass der Sieg der Brutalität der Cumberlands über die Schönheit und den Stolz von Prinz Charlie bereits zu erkenne ist, aber der Leser bis zum Schluss hofft, dass alles anders wird.

Der Plot einer Geschichte muss mit den anderen Aspekten der Geschichte korrespondieren: Ort und Zeit (Setting), Konflikt und Plot müssen zusammen passen. Es macht kaum Sinn, die Geschichte unseres englischen Soldaten auf den Mond oder in die Gegenwart zu verlagern, genauso wenig wird sein Konflikt die Frage umfassen, ob er metrosexuell ist oder nicht.

Konflikte bringen Spannung

Ein Konflikt oder mehrere Konflikte sind das Salz in der Suppe einer Geschichte. Erst sie machen eine Geschichte lebendig. Konflikte können innerer Natur sein (Der englische Soldat ist seinem Land verpflichtet, liebt aber eine schottische Aufständische/der Herzog von Cumberland leidet unter seinem gewalttätigen Vater und wird am Ende doch so wie er) oder äußerer Natur (Die schottischen Aufständischen, die um ihre Freiheit kämpfen, und die englischen Truppen).  Nicht jeder Konflikt muss aufgelöst werden, aber jeder Konflikt muss Sinn machen. Die Spannung erhöht sich, wenn bei dem Konflikt um etwas wirklich Wichtiges gekämpft wird – Freiheit, das Leben vieler Menschen, die große Liebe.

Ein Plot kann dabei ganz unterschiedlich ablaufen. Zum Beispiel kann der Konflikt eine Suche nach etwas sein, dazu gehört auch die Suche nach Rache oder Gerechtigkeit, Krimis hingegen basieren auf einem Rätsel (Wer ist der Mörder?).

Jede Geschichte braucht einen Anfang, eine Mitte und ein Ende

Das klingt so simpel, aber tatsächlich scheitern viele Autoren daran.  In einer Einleitung werden die wichtigsten Charaktere und ihre inneren Motive sowie der Konflikt/die Konflikte vorgestellt. Innerhalb der ersten Seiten muss Spannung transportiert werden, sonst liest der Leser gar nicht weiter. In unserem obigen Beispiel etwa könnte die Einleitung so aussehen, dass wir die beiden Heerführer in ihren Lagern antreffen, Bonnie Prince Charlie vergnügt sich mit seiner jungen Geliebten, während ihm die Clanchefs von der Übermüdung und Erschöpfung ihrer Männer erzählen, er ihnen aber nicht zuhört, während der Herzog von Cumberland mit der Faust auf den Tisch haut und androht, alle jakobinitischen Rebellen und ihre Nachkommen zu vernichten. Unsere Hauptfigur ist ein Mitglied der britischen Armee, der sich in eine Tochter der schottischen Klanführer verliebt hat, diese Liebe aber geheim halten muss.  Die Einleitung endet meistens mit einem ersten Wendepunkt, in unserem Beispiel könnte das die Entscheidung sein, dass die Schlacht unvermeidbar ist und unsere Hauptfigur nun gegen die Familie seiner Geliebten kämpfen muss.

Die Mitte, der Hauptteil einer Geschichte, treibt den Konflikt auf den Höhepunkt. Das Setting ist die Schlacht, in der unsere Hauptfigur überlebt und sich dann entscheiden muss, ob sie sich an den Gemetzel beteiligt. Er weigert sich, wird gefangen genommen, flieht, von schottischen Mnnern gefangen genommen, als englischer Soldat gefoltert und erfährt dann auch noch, dass seine schottische Geliebte unter den Opfern vermutet wird. Er schwört Rache und schließt sich unter falschem Namen den englischen Truppen erneut an und erreicht durch Sabotage, dass der Herzog von Cumberland eine erneute demütigende Niederlage gegen Moritz von Sachsen hinnehmen muss. Vielleicht verliebt er sich erneut in eine Frau aus dem deutschen Reich und erlebt hautnah mit, wie Cumberland in der Schlacht von Hastenbeck vernichtend geschlagen wird. Am Ende der Mitte steht ein erneuter Wendepunkt, in unserem Fall die Schlacht von Hastenbeck.

Das Ende einer Geschichte ist eine Art „Bestätigung“ dessen, was am Anfang bereits dargelegt wurde, zum Beispiel, dass die Liebe stärker ist als jeder Krieg und oder dass der Herzog von Cumberland durch sein gewalttätiges Wesen zum Untergang verurteilt war.

So werden Sie zum erfolgreichen Plot-Entwickler

Alle guten Bücher und Filme haben einen Plot. Achten Sie beim Lesen und Schauen darauf, die einzelnen Teile „Anfang, 1. Wendepunkt, Mitte, 2. Wendepunkt, Ende“ zu erkennen, sowie die Hauptfiguren und ihre Motive festzumachen. Wie würden Sie die zentralen Konflikte beschreiben? Ist die Geschichte schlüssig? Wie wurde Spannung aufgebaut? Auf diese Weise werden Ihre Plotkünste von ganz allein verbessert.

Mein persönlicher Lesetipp zum Thema „Plots“ ist übrigens: Ronald B. Tobias (2016): 20 Masterplots. Die Basis des Story Building in Roman und Film. Autorenhaus.